Es beginnt mit einem
Traum.
Ich fahre mit einem Zug
durch eine bizarre Eislandschaft. Vorbei an einem gefrorenem Fluß.
Erstarrte Figuren, stehen am anderen Flußufer. Stumm, stehen sie
dort. Blicken mich an – mit ihren eisigen kalten Augen.
Manche starren mich an.
Traurig, enttäuscht, wehmütig, zornig, haßerfüllt. Eingetaucht in
ihrem blau-weißen steifen Bekleid. Zueinander gewandt, oder von
einander abgewandt, offene Münder, denen kein Ton mehr entringen
kann. Arme die in meine Richtung zeigen und nicht ablassen davon.
„Ich“.
Der Zug rattert über die
Gleise, das monotone „ta rat ta rat ta rat ta rat“ schreckt sie
nicht auf. Die Gestalten in Eis.
Ich stehe an einem
Vorplatz. In einer belebten großen Stadt. Vor mir ragt ein
steinernes Podest empor. Darauf die Gestalt einer nackten Frau, in
Hocke verharrend mit gebeugtem Rücken – und gesenktem Haupt. Ein
Hammer schlägt sekundenweise an ihr steinernes Gesäß.
„Zeit“
Ich laufe durch einen
Wald. An einer Lichtung halte ich ein. Ich spüre nur Entsetzen.
Plötzlich breche ich mit einem Bein ein. Die Erde unter mir öffnet
sich. Es ist ein Grab. Doch ich sehe keinen Toten.
Schweißgebadet wache ich
auf. Die ersten Sonnenstrahlen dringen durch mein Fenster. Noch immer
benommen stehe ich auf, wanke durch das Zimmer auf den Balkon. Reger
Verkehr fließt durch die Straßen der Großstadt. Hupen, das
Geräusch von Motoren, wie jeden Tag. Nichts ist anders. Zumindest
nicht da draußen.
Ein Geräusch schreckt
mich. Ich drehe mich um und – sehe den alten Mann auf meinem Stuhl
sitzend. Die Beine ausgestreckt sitzt er da, und blickt mich an.
Starr und emotionslos. Er wippt mit den Füßen ruhig auf und ab.
Rhythmisch in kreisenden Bewegungen. Seine Arme hängen, wie
erschöpft über die seitlichen Stuhllehnen, sein graues Haar nach
hinten abfallend, Und Augenbrauen, buschig und von der Mitte her nach
oben hin spitz zulaufend, wie gedreht, bestimmen jenes Gefühl, das
mich im Augenblick heimsuchte.
Ängstlich, beunruhigt,
sehe ich den alten Mann an.
Seine Augen zieht er wie
in zorniger Enttäuschung zusammen, und fängt an zu sprechen.
„Ich will Dir etwas
zeigen“.
Er steht auf, dreht sich
um und geht zur Tür. Mit seiner Hand bedeutet er mir mitzukommen. Es
zieht mich hin, wie in Nebel gehüllt. Ohne einen klaren Gedanken
fassen zu können folge ich ihm.
Die Tür knarzt ein wenig,
als er sie öffnete. Ich wußte es, aber es war mir nicht bewußt.
Ich hatte keine knarzenden Türen in meiner Wohnung. Doch keine Zeit
für diesen Gedanken. Alles war so wirr und undeutlich.
Er ging hindurch. Und ich
folgte ihm.
Wir gingen steile Treppen
empor. Über hohe Stufen.
Vor einer großen Tür
bleibt er stehen und dreht sich zu mir um.
„Geh‘ hindurch“,
beginnt er zu sprechen, „und tritt ein.“ Mit diesen Worten
öffnet er die große Flügeltür und ich trete ein – in eine
andere Welt.
Ich sehe ein kleines
Mädchen, das weinend an einem Brunnen steht. Ich gehe zu ihr hin,
sie schaut mich an mit ihren großen rehbraunen runden Augen. „Es
ist kein Wasser im Brunnen“, schluchzt sie. Ich will sie trösten,
doch plötzlich verzerrt sich ihr Gesicht zu einer teuflischen
Fratze. Und ein grausamer Schrei entringt ihrer Brust. „Du“.
Angsterfüllt springe ich
davon. Plötzlich stehe ich an einem Baum in einem großen blühenden
Garten. Kinder spielen dort oben in einem Baumhaus. Ich rufe ihnen
freudig zu, doch sie hören nicht. Sie singen ein seltsames Lied. Im
nächsten Augenblick bin ich es selbst, der in mitten der Kinder
sitzt und singt. Die Töne klingen traurig und wehmütig. Es ist ein
Lied über den Tod . Ich möchte weinen, doch ich kann nicht. Da
stehen sie plötzlich um mich herum. Ihre Augen weit aufgerissen und
ihre Hände werden zu Klauen. Ich spüre den Schmerz, als ihre langen
Krallen in meine Haut fahren. „Vater“.
Der Boden unter mir gibt
nach. Ich stehe auf einem großen Vorplatz. Eine wunderschöne Frau
wartet an einer Bushaltestelle. Sie fährt mit ihren schönen
schlanken Händen durch ihr volles Haar und ihre große weibliche
Brust atmet. Sie ist vollkommen nackt. Ich möchte sie berühren.
Gehe hin zu ihr. Sie lacht. So ein herzliches liebes Lachen. So
wunderschöne fröhliche Augen. Sie lacht und zeigt mit Ihrer Hand
nach oben, zu der Uhr am Kirchturm. Ein dumpfer Glockenschlag ertönt.
Und die Frau zerfällt zu Staub.
An einem Schild bleibe ich
stehen. In großen Buchstaben steht dort „Das Ungeschehene des
Johann P.“
„Johann.“ durchfährt
es mich. Das ist mein Name.
Ich höre Schritte.
Blitzschnell drehe ich mich um.
Der alte Mann mit den
buschigen Augenbrauen steht hinter mir. Er hat ein schönes gütiges Gesicht.
„Wie ein König“, denke ich mir.
Und wie zu Beginn bestimmt sein Ausdruck mein Gefühl.
Und wie zu Beginn bestimmt sein Ausdruck mein Gefühl.
Ich sehe ihn an und frage
„Wer bist Du ?“
„Ich“, sagt er, „bin
der, der Du nicht mehr sein wirst“ – „Der nicht Gewordene aus Deinem Leben“.
ENDE.
(c) Alexander Beer
(c) Alexander Beer