Donnerstag, 10. Mai 2012

Der nicht Gewordene

Es beginnt mit einem Traum.
Ich fahre mit einem Zug durch eine bizarre Eislandschaft. Vorbei an einem gefrorenem Fluß. Erstarrte Figuren, stehen am anderen Flußufer. Stumm, stehen sie dort. Blicken mich an – mit ihren eisigen kalten Augen.
Manche starren mich an. Traurig, enttäuscht, wehmütig, zornig, haßerfüllt. Eingetaucht in ihrem blau-weißen steifen Bekleid. Zueinander gewandt, oder von einander abgewandt, offene Münder, denen kein Ton mehr entringen kann. Arme die in meine Richtung zeigen und nicht ablassen davon.

Ich“.

Der Zug rattert über die Gleise, das monotone „ta rat ta rat ta rat ta rat“ schreckt sie nicht auf. Die Gestalten in Eis.

Ich stehe an einem Vorplatz. In einer belebten großen Stadt. Vor mir ragt ein steinernes Podest empor. Darauf die Gestalt einer nackten Frau, in Hocke verharrend mit gebeugtem Rücken – und gesenktem Haupt. Ein Hammer schlägt sekundenweise an ihr steinernes Gesäß.

Zeit“

Ich laufe durch einen Wald. An einer Lichtung halte ich ein. Ich spüre nur Entsetzen. Plötzlich breche ich mit einem Bein ein. Die Erde unter mir öffnet sich. Es ist ein Grab. Doch ich sehe keinen Toten.

Schweißgebadet wache ich auf. Die ersten Sonnenstrahlen dringen durch mein Fenster. Noch immer benommen stehe ich auf, wanke durch das Zimmer auf den Balkon. Reger Verkehr fließt durch die Straßen der Großstadt. Hupen, das Geräusch von Motoren, wie jeden Tag. Nichts ist anders. Zumindest nicht da draußen.

Ein Geräusch schreckt mich. Ich drehe mich um und – sehe den alten Mann auf meinem Stuhl sitzend. Die Beine ausgestreckt sitzt er da, und blickt mich an. Starr und emotionslos. Er wippt mit den Füßen ruhig auf und ab. Rhythmisch in kreisenden Bewegungen. Seine Arme hängen, wie erschöpft über die seitlichen Stuhllehnen, sein graues Haar nach hinten abfallend, Und Augenbrauen, buschig und von der Mitte her nach oben hin spitz zulaufend, wie gedreht, bestimmen jenes Gefühl, das mich im Augenblick heimsuchte.

Ängstlich, beunruhigt, sehe ich den alten Mann an.

Seine Augen zieht er wie in zorniger Enttäuschung zusammen, und fängt an zu sprechen.

Ich will Dir etwas zeigen“.

Er steht auf, dreht sich um und geht zur Tür. Mit seiner Hand bedeutet er mir mitzukommen. Es zieht mich hin, wie in Nebel gehüllt. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können folge ich ihm.

Die Tür knarzt ein wenig, als er sie öffnete. Ich wußte es, aber es war mir nicht bewußt. Ich hatte keine knarzenden Türen in meiner Wohnung. Doch keine Zeit für diesen Gedanken. Alles war so wirr und undeutlich.

Er ging hindurch. Und ich folgte ihm.

Wir gingen steile Treppen empor. Über hohe Stufen.

Vor einer großen Tür bleibt er stehen und dreht sich zu mir um.

Geh‘ hindurch“, beginnt er zu sprechen, „und tritt ein.“ Mit diesen Worten öffnet er die große Flügeltür und ich trete ein – in eine andere Welt.

Ich sehe ein kleines Mädchen, das weinend an einem Brunnen steht. Ich gehe zu ihr hin, sie schaut mich an mit ihren großen rehbraunen runden Augen. „Es ist kein Wasser im Brunnen“, schluchzt sie. Ich will sie trösten, doch plötzlich verzerrt sich ihr Gesicht zu einer teuflischen Fratze. Und ein grausamer Schrei entringt ihrer Brust. „Du“.

Angsterfüllt springe ich davon. Plötzlich stehe ich an einem Baum in einem großen blühenden Garten. Kinder spielen dort oben in einem Baumhaus. Ich rufe ihnen freudig zu, doch sie hören nicht. Sie singen ein seltsames Lied. Im nächsten Augenblick bin ich es selbst, der in mitten der Kinder sitzt und singt. Die Töne klingen traurig und wehmütig. Es ist ein Lied über den Tod . Ich möchte weinen, doch ich kann nicht. Da stehen sie plötzlich um mich herum. Ihre Augen weit aufgerissen und ihre Hände werden zu Klauen. Ich spüre den Schmerz, als ihre langen Krallen in meine Haut fahren. „Vater“.

Der Boden unter mir gibt nach. Ich stehe auf einem großen Vorplatz. Eine wunderschöne Frau wartet an einer Bushaltestelle. Sie fährt mit ihren schönen schlanken Händen durch ihr volles Haar und ihre große weibliche Brust atmet. Sie ist vollkommen nackt. Ich möchte sie berühren. Gehe hin zu ihr. Sie lacht. So ein herzliches liebes Lachen. So wunderschöne fröhliche Augen. Sie lacht und zeigt mit Ihrer Hand nach oben, zu der Uhr am Kirchturm. Ein dumpfer Glockenschlag ertönt. Und die Frau zerfällt zu Staub.

An einem Schild bleibe ich stehen. In großen Buchstaben steht dort „Das Ungeschehene des Johann P.“

Johann.“ durchfährt es mich. Das ist mein Name.

Ich höre Schritte. Blitzschnell drehe ich mich um.

Der alte Mann mit den buschigen Augenbrauen steht hinter mir. Er hat ein schönes gütiges Gesicht. „Wie ein König“, denke ich mir.

Und wie zu Beginn bestimmt sein Ausdruck mein Gefühl.
Ich sehe ihn an und frage „Wer bist Du ?“

Ich“, sagt er, „bin der, der Du nicht mehr sein wirst“ – „Der nicht Gewordene aus Deinem Leben“.

ENDE.


(c) Alexander Beer

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